Montag, 3. Mai 2010

»Der Journalist«: Magazin-Relaunch

»Der Journalist« ist das österreichische Magazin der Informationszunft. Es kommt aus dem Hause Oberauer und wird gemeinsam von Johann Oberauer und Georg Taitl herausgegeben. Da ich gegen letzteren vor Urzeiten in einigen spannenden Volleyballmatches am Platz stand (mit darauffolgenden Versöhnungsbieren im Anschluss), liegt mir das Magazin aus sentimentalen Gründen daher besonders am Herzen.
Die jüngste Ausgabe seines Magazins lag in einem neuen Look in meiner Eingangslade. Auf den ersten Blick sehr rund, professionell und neugierig machend – und doch: so richtig zum Lesen lädt sie mich nicht ein. Der Sache will ich auf den Grund gehen.
Die Titelseite ist sehr schön aufgeräumt mit einem hochwertigen Bild und nur zwei Anreißern gestaltet. Das abfallende Bild und die Hochglanzaustattung suggeriert Hochwertiges. Der neue Schriftzug ist eine Modifikation der Leitura von Dino dos Santos, der seine Schriften stets mit zahlreichen Schmuckligaturen ausstattet. Eine davon, das End-t, ziert auch den neuen Schriftzug.

Sehr sympathisch im Editorial die Illustration des Herausgebers statt einer Fotografie. Solche Illustrationen würde man sich auch von den Autoren in der Folge wünschen. Die im Übrigen mehr ins Rampenlicht rücken und bei den Recherche-Artikeln, anders als zuvor, gleich nach dem Lead genannt werden.
Den neuen Look des Magazins verantwortete übrigens Javier Errera, Spanier, und nach eigenen Angaben Autodidakt im Designbereich: »Das geschah alles sehr intuitiv. Viel lesen und kopieren von den Meistern ist natürlich genauso wichtig wie ständiges Lernen und Schauen.«

Auch die restliche Typografie des gesamten Magazines ist mit der Superfamilie/Schriftensippe der Leitura gesetzt. Die Leitura Sans als Leadschrift, die Leitura bzw. Leitura Display als Brotschrift bzw. Headlinefont. Und hier muss ich dem Señor Errera leider fehlendes Fingerspitzengefühl vorwerfen. Die Fließtextschrift ist m.E. zu eng und zu schmal gesetzt, sowohl vom Durchschuss als auch von der Laufweite. Das Schriftbild wirkt leicht schmutzig, der Grauwert ist m. E. zu hoch. Etwas mehr Weißraum würde das typografische Gesamtbild lockerer, luftiger, leichter machen und vor allem viel lesefreundlicher.

Besonders unangenehm fällt dieser Effekt im Artikel »Nicht ständig uns selbst kopieren« auf, wo Markus Wiegand den Designer selbst zum Relaunch befragte. Hier ist die Leitura Sans viel zu fett und zu eng gesetzt. Die Buchstaben fließen unschön ineinander, der Lesefluss wird dadurch erschwert.
Auch ist die Verwendung der manierierten Schmuckligaturen in den Headlines etwas zu oft eingesetzt. Besonders beim Titel »Ich glaube an die Kraft von Geschichten« sind diese Ornamente gleich dreimal eingesetzt und wirken daher überladen. Weniger wäre hier mehr.

Verbesserungspotenzial sehe ich auch noch bei den Leads, den Einstiegstexten des Praxisteils, die so klein, in Versalien (ein No!No! für Lesetext!) und viel zu leicht gesetzt sind. So erscheinen sie wie unangenehme Texte, die man möglichst verstecken wollte. Schade drum, die meisten würden schön in die Artikel führen.

Javier Errea zum Magazinlayout: »(Unsere Leserschaft) verlangt ein elegantes, klares, nüchternes und sauberes, klassisches Produkt. Wir haben daher ein anspruchsvolles und aussagekräftiges grafisches Modell verfolgt (…): Ruhig mit kleinen Überschriften, wenig Farbe, intelligente(n) Illustrationen, moderne(m) Look.« Nunja, einige dieser Punkte führt er gleich im ersten Heft ad absurdum, denn gleich die ersten beiden Rechercheartikel protzen mit überdimensionalen Lettern. Auch sind Illustrationen nur spärlich gesät.
Schön gelöst sind die Zitate und Lesehilfen auf der Seite oder zwischen den Texten. Auch dass keine Angst vor reinen Textseiten gezeigt wird, imponiert.
Fazit: Ein Schritt in die richtige Richtung, dem aber noch ein wenig Feintuning gut tun würde. Aber auf jeden Fall ein Relaunch, der sich für das Erscheinungsbild ausgezahlt hat. Das Magazin wirkt professioneller und seriöser. Wenn dann noch die Typografie einen Tick lesefreundlicher gelöst wird, ist es ein Medium, auf das Georg uneingeschränkt stolz sein kann.
Eine Frage bleibt am Ende noch: Warum werden die Inhalte des Magazins nicht auch im Internet zugänglich gemacht? Ob als Bezahlcontent oder frei, egal, das wäre Sache der Unternehmensstrategie. Aber in Zeiten des iPads, von SEO und hochwertigen Internet-Contents wird hier wertvolles Potenzial verschenkt.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

toller eintrag und sehr klar argumentiert... nach alter facebook-manier "gefällt mir" und macht lust auf hochwertige typografie! lg susanne

Rainer hat gesagt…

Danke, Susanne. ;)

 
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